Die Öl-Schockerin

Medienträchtiger Auftritt im Washingtoner Kapitol: Wie Diane Wilson innerhalb weniger Sekunden zur Symbolfigur des Kampfes gegen den Ölmulti BP wurde.

Die Aktion dauerte nur ein paar Sekunden, dann wurde Diane Wilson in Handschellen aus dem Washingtoner Kapitol abgeführt. Gerade als die republikanische Senatorin Lisa Murkowski am Mittwoch in einer Anhörung US-Innenminister Ken Salazar zur Ölkatastrophe am Golf von Mexiko befragen wollte, war die Frau in der fliederfarbenen Strickjacke plötzlich aufgesprungen. Die Menschen an der Golfküste hätten es satt, zugemüllt zu werden, rief Wilson vom Zuhörerrang aus in den Saal. Dann kippte sie aus einem Glas, auf dem in großen Buchstaben „Öl“ stand, eine honigfarbene, klebrige Flüssigkeit über ihren Kopf und Oberkörper.

Der herbeigeeilte Polizist musste zweimal zufassen, bis er Wilson packen konnte. Helfer brauchten lange, um die schmierige Flüssigkeit vom Fußboden zu entfernen.

Mit Diane Wilson hat Amerikas jüngste Protestbewegung eine Symbolfigur gefunden, wie es die Soldatenmutter Cindy Sheehan für die Gegner des Irak-Kriegs war. Bereits lange vor der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon am 20. April kämpfte die Umweltaktivistin gegen giftige Chemikalien im Golf von Mexiko. Als junge Frau hatte die Mutter von fünf Kindern und mehrfache Großmutter das getan, was ihre Familie seit Generationen tat: Sie fuhr aufs Meer, oft tagelang allein, fing Garnelen. Sie liebe das Wasser und die Einsamkeit, seit der Vater sie mit acht Jahren mit zum Fischen nahm, erzählte Wilson später einmal.

Der Wendepunkt in ihrem Leben kam 1989. In ihrer Heimat Seadrift, einem kleinen Städtchen an der texanischen Küste zwischen Houston und Corpus Christi, sollte ein Chemiewerk erweitert werden. Besorgt über mögliche Umweltfolgen für die Fischgründe, stellte Wilson unbequeme Fragen. Calhoun County galt damals als Landkreis mit einer der höchsten Umweltbelastungen der USA. Wilson deckte auf, dass die Plastikfabrik schon zuvor illegal giftige Abwässer ins Meer geleitet und Unfälle vertuscht hatte.

Wilsons Hund wurde in ihrem Garten erschossen

In Seadrift, wo man auf gut bezahlte Arbeitsplätze hoffte, kam das nicht bei allen gut an. Wilsons Hund wurde in ihrem Garten erschossen. In ihrer 2005 erschienenen Autobiografie „Eine unverschämte Frau“ berichtet sie davon, dass jemand ihren Krabbenkutter versenken wollte. Doch jeder Versuch, sie einzuschüchtern, machte die streitbare Fischerin nur wütender. Sie verklagte das Unternehmen Formosa Plastics, protestierte in der texanischen Hauptstadt Austin gegen Politiker, die die Interessen der Industrie über Umweltbedenken stellten, ging mehrfach in den Hungerstreik. Die Küstenwache nahm sie fest, als sie mit ihrem Kutter die Abflussrohre der Fabrik rammen wollte. Den Kutter versenkte sie später aus Protest selbst.

Zwar konnte Wilson die Werkserweiterung nicht stoppen. Doch Formosa Plastics willigte nach jahrelangem Streit ein, keine Chemikalien mehr ins Meer zu verklappen. Mit diesem Erfolg indes gab sich die Fischerin aus Texas nicht zufrieden. Wilson kämpfte weiter in Calhoun County: gegen die Aluminiumschmiede Alcoa, gegen Dow Chemical. Auf einem Fabrikgelände des Chemie-Riesen erklomm sie im August 2002 einen Schornstein und kettete sich in Greenpeace-Manier in luftiger Höhe mit einem Protestplakat an. 2005 musste sie dafür drei Monate ins Gefängnis. Da hatte die Umweltaktivistin sich längst auch der Anti-Kriegsbewegung angeschlossen. Wilson zählte zu den Mitgründerinnen von Code Pink, einer Frauenorganisation, die seit 2002 mit zivilem Ungehorsam und spektakulären Aktionen gegen den Irak-Feldzug protestiert.

Wenn Diane Wilson und Code Pink jetzt auch medienwirksam bei den Protesten gegen die Schuldigen der Ölpest im Golf von Mexiko ganz vorn dabei sind, muss das niemanden überraschen. Auch Seadrift und die texanischen Fischgründe sind vom Giftteppich im Meer bedroht. Auf fatale Weise erlebt Diane Wilson jetzt die Katastrophe, gegen die sie immer gekämpft hat. Die Öldusche im Kapitol dürfte daher kaum ihr letzter spektakulärer Auftritt gewesen sein. Protestieren wollte sie damit gegen BP und die der Ölindustrie nahestehende Republikanerin Murkowski, die seit Wochen verhindert, dass der Kongress die gesetzliche Grenze der Schadenshaftung bei derartigen Katastrophen von 75 Millionen auf zehn Milliarden Dollar anhebt. „Sie sollte auf der Seite der Menschen am Golf stehen“, sagt Wilson, „statt zu verhindern, dass BP für den Schaden zahlen muss, den sie angerichtet haben.“

Mitstreiterin Medea Benjamin, die am Mittwoch dabei war, sagt über Wilson, sie kämpfe „für Mutter Natur mit der Entschlossenheit eines Pitbulls“. Deshalb gehöre nicht die Krabbenfischerin ins Gefängnis, sondern einzig BP-Boss Tony Hayward.

Frankfurter Rundschau vom 12.06.2010

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